Titel Monjoye
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25,00

Hans Gerd Lauscher

Das Amt Monjoye samt Deurener Wehrmeisterey 1779

Heute kennen viele Menschen Landkarten nur noch in virtueller Form als Wetterkarten oder Routen­planer. Manche nehmen sie vielleicht noch als gedruckte Wegweiser beim Wandern oder Radfahren in die Hand. Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, welch unterschiedliche Funktionen geografische, politische, geologische und viele andere Karten hatten und haben. Landkarten zeigen immer einen mehr oder weniger großen Ausschnitt der Welt unter einem bestimmten Aspekt. Über die Verzeich­nung von bloßen Tatsachen hinaus erklären sie die Welt und interpretieren Teile von ihr nach der jeweiligen ideologischen Orientierung ihrer Hersteller oder Auftraggeber.
Über ihre didaktische Intention hinaus suchten Zeichner und Grafiker in der Vergangenheit die Nutzer ihrer Karten und Pläne auch zu unterhalten, indem sie ihr Kartenmaterial durch kunstvoll ausgearbei­tete, vielfach kolorierte Kartuschen und anderes artifizielles „Beiwerk“ bereicherten. Landesfürsten des kartografisch erfassten Territoriums wurden mit Symbolen ihrer Machtfülle gefeiert, landestypi­sche Gewerke und Moden der Zeit in Szene gesetzt, Siedlungen und Wälder, Berge und Flüsse noch sehr konkret und plastisch ausgeführt.
Um dem Betrachter fremde Länder, die Sitten und Lebensformen ihrer Einwohner näher zu bringen, wurden ferne Kontinente mit exotischen Lebewesen und ihren Behausungen besetzt. Trotz ihrer un­mittelbaren Bildersprache konnten die Karten auf Erläuterungen in Legenden, Explicationen und Kommentare nicht verzichten. Im Randbereich der Schauseite wurden die Funktion der Karte und die Bedeutung der verwendeten Symbole erklärt, auf der Rückseite „Bildergeschichten“ kommentiert.
Ein besonders drastisches Beispiel für diese gleichermaßen belehrende wie unterhaltsame Zielsetzung liefern die Titelkartusche und der Ausschnitt einer Karte von Brasilien mit dem dazu gehörigen Kom­mentar aus einem in Amsterdam verlegten Atlas von Johannes Janssonius (1588–1664). Die Kartu­sche ist flankiert von zwei Ureinwohnern, die sich als Sammler und Jäger zu erkennen geben: Eine Mutter mit Kind hält Mandjoca-(Maniok)-Wurzeln in den Händen, der Mann posiert mit Pfeil und Bogen. Der Kartenausschnitt zeigt in allen Details ein kannibalisches Festessen. Der Kommentar dazu lautet: Sie (die Ureinwohner Brasiliens) haben biß anhero Wein und Brodt gehabt / unnd gelebt von einer Wurtzel / die sie Mandioca nennen / darauß sie Mehl machen. Viel Familien oder Haußgesind halten sich bey einander auff unter einem Dach, welches langartig ist / in der gestalt des Bodens eines Schiffs / dessen unterste theil oben ist gestürtzet. Des Nachts schlaffen sie in ihren hangenden Netzen / damit sie von den Thieren nicht beschädiget möchten werden / Ihre Feinde / die sie im Krieg fangen / machen sie erstlich feist / und schlagen sie danach im Tantze mit grossen Frewden todt/ braten sie unnd fressen sie auff. Viel Kauffmanschafften werden auß dieser Provintz in Europam gebracht / als Ambra, köstlicher Balsam / Brasilienholtz zum Tuchferben / Taback und viel Ingber. (Aus: Novus Atlas, Das ist: Welt - Beschreibung / mit schönen newen Land - Taffeln / Begreiffende Hispanien / Asien / Africa / America / und Greichen - Land. Vierter Theil. Amstelodami apud Joannem Janssonium. Hier: Accuratissima Brasiliae Tabula.)
Die räumliche Distanz zu einer 130 Jahre später entworfenen „Waldkarte“, die im Mittelpunkt der folgenden Untersuchung stehen soll, könnte größer kaum sein. Ihre regionale Beschränkung auf das Amt Monschau und die Dürener Wehrmeisterei und ihre thematische Zielsetzung im Auftrag der Forstverwaltung ließen keinen Spielraum für Ausflüge in entlegene Weltgegenden. Die berufliche Standortgebundenheit ihres Autors, eines angesehenen Bürgers und viel beschäftigten Landmessers aus Monschau, versprach die Durchführung eines klar umrissenen Auftrags. Seinem niederländischen Kollegen, dem ferne, exotische Kontinente wohl nur vom Hörensagen bekannt waren, öffneten sich bei der Darstellung der noch wenig erforschten Urwälder Brasiliens weite Räume, die er mit sensa­tionellen Bildern ausstatten konnte, die aus Expeditionsberichten und Gerüchten kompiliert waren. Der mit dem kartografischen Erfassen eines regional und sachlich begrenzten Themas beauftragte Landmesser setzte zwar auch sein Wissen über Jagd, Waldnutzung und Selbstversorgung ins Bild, er konnte dies jedoch leisten mit der Kompetenz und Übersicht des Ortskundigen – sachbezogen und nachprüfbar. Dennoch wollen auch die in dieser Karte dargestellten komplexen Zusammenhänge, die einer heutigen Zeitgenossenschaft wiederum fremd geworden sind, erschlossen und gedeutet werden.

Da die Darstellung des Amtes Monschau einen deutlich breiteren Raum einnimmt und seine politisch-territoriale Einheit über einen langen Zeitraum Bestand hatte, erfährt dieser Bereich der Forstkarte ein höheres Maß an Aufmerksamkeit als der Forstverwaltungsbezirk der Dürener Wehrmeisterei.

Um das aus der Vogelperspektive zweidimensional erfasste Kartenwerk an einigen Punkten auch räumlich erlebbar zu machen, wurden bildliche Darstellungen in den Kontext der Kartenanalyse ein­bezogen. Zur Illustration der kartografischen Ausführungen wurden weitgehend Artefakte (Gemälde, Zeichnungen, Grafiken), zuweilen auch Fotografien herangezogen. Auch wenn damit nicht immer eine zeitliche Nähe zum Entstehungsdatum der Forstkarte zu erreichen war, wurde ein möglichst enger Bezug angestrebt. Selbst frühe fotografische Dokumente, sofern überhaupt vorhanden, hätten dies nicht zu leisten vermocht. Zudem kommen die auf den Karteninhalt bezogenen, künstlerisch ambitionierten Darstellungen den offenkundig ästhetischen Ansprüchen der frühen Kartografen durchaus entgegen.
(Einleitung des Autors)

 

Inhaltsverzeichnis

         
1. Einleitung 7
2. Drei Forstkarten (1779–1807) 12
3. Der Landmesser Johann Peter Müller, das Thema und die Gestaltung der Charte 25
  3.1 Zu Biografie und Werkgeschichte 25
  3.2 Thema und Gestaltung der Charte 28
4. Die Illustrationen der Charte 38
  4.1 Die Kartusche: Herrschaftssymbole 38
  4.2 Der Rahmen der Legende: Szenen aus der Waldnutzung 44
    4.2.1 Jagd und Wald 44
    4.2.2 Köhlerei 50
    4.2.3 Torfstecher und Holzsammlerin 54
5. Kartografische Informationen 56
  5.1 Die Dörfer 56
  5.2 Exponierte Gebäude 62
    5.2.1 Burgen, Kirchen, Klöster 62
    5.2.2 Einzelhöfe 66
    5.2.3 Siedlungen im Tal 67
    5.2.3.1 Getreide- und Ölmühlen 69
    5.2.3.2 Industrieanlagen 74
  5.3 Orientierungspunkte, Straßen, Grenzen, Bäche, Brücken und Furten 77
    5.3.1 Bäume, Felsen und Kreuze 77
    5.3.2 Grenzen und Bäche 82
    5.3.3 Brücken und Furten 92
  5.4 Bodennutzung 95
    5.4.1 Die Feldfluren 97
    5.4.2 Der Laubwald 97
    5.4.3 Die Fichtenkulturen 99
    5.4.4 Niederwald und Buschland 100
    5.4.5 Das Hohe Venn 101
    5.4.6 Siedlungs- und Wirtschaftsraum 104
  5.5 Die Daverscheider Hut 107
    5.5.1 Die Nutzung der Hutungen 107
    5.5.2 Die Kalterherberger Weidgänge 110
    5.5.3 Die Feuerbrände 114
    5.5.4 Der Kammerwald 114
    5.5.5 Die „Tannen-Kämpf“ 115
    5.5.6 Grenzen und Grenzkonflikte 115
    5.5.7 Grenzverschiebungen 127
6. Exkurs: Die Charte und der Plan im Vergleich 130
7. Ausblick 140
8. Anhang: Der Text der Charte 144
  8.1 Der Text der Legende 144
  8.2 Die Explication mit Ausschnitten der Charte 144
Anmerkungen 154
Quellen- und Literaturverzeichnis 171
  Ungedruckte Quellen 171
  Gedruckte Quellen und Literatur 172
Geografischer Index 178
Dank 191

 

192 Seiten
zahlr. Abb., 23,5 x 24 cm, geb.
Hahne & Schloemer Verlag, Düren 2019
ISBN 978-3-942513-48-7
Preis: 25,00 €

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